„Das ist aber ganz schön Psycho!“, entweicht es dem Schüler mir gegenüber. Nun, eigentlich schon, denke ich mir. Wie hätte solch eine Geschichte auf mich gewirkt, frage ich mich kurz und überlege, was ich erwidern soll. Tatsächlich bin ich ab und zu mal sprachlos. Meistens geprägt von Erstaunen über die Ehrlichkeit der Jugendlichen, die mir seit Jahren in den Präventionsprojekten von „andersnormal.“ begegnen, weicht diese erste Irritation der Überzeugung, einen Denkprozess angestoßen zu haben. Ob für ihn „psycho“ nun einfach ein Ausdruck der Jugendsprache sei – oder was er mit seiner Aussage verbinde, frage ich den 17-Jährigen aus einem Deutsch-Kurs einer Oberstufenklasse zurück. Verschreckt sei er nicht, stellt er umgehend klar – und wirkt fast ein wenig verlegen, mich möglicherweise gekränkt zu haben. Viel eher beeindrucke ihn die Offenheit, mit der ich über eine Viertelstunde hinweg von meinem „seelischen Werdegang“ den 21 Schülern aus einem Gymnasium berichtet hatte. Denn das gehört als „Höhepunkt“ zum Projekttag dazu: Die jungen Teilnehmer haben nach Kennenlernen, Diskussion und Gruppenarbeit die Möglichkeit, mit „Betroffenen“ zu sprechen.


Die „Erfahrungsexperten“ sind Ehrenamtliche wie ich, die in einem Team mit hauptamtlichen Unterstützern den Tag für die Schulklassen gestalten – und bereit sind, ganz private Fragen zu beantworten. Und diesen Mut schätzen die Jugendlichen außerordentlich, wie ich immer wieder von ihnen erfahren darf. Für viele von ihnen ist es das erste Mal, dass sie bewusst auf einen „psychisch Kranken“ treffen, seine Lebensgeschichte erfahren und ihn dann interviewen dürfen: „Bist du in Therapie?“, „Nimmst du Medikamente?“, „Wann wurde dir klar, dass du Probleme hast?“, „Wie gehen deine Eltern damit um?“, „Haben sich Freunde von dir abgewendet?“, „Warst du schon mal in der Gummizelle?“, „Kann man das heilen?“, „Hast du eine Freundin?“, „Hast du schon mal daran gedacht, dir was anzutun?“, „Wie war das bei dir in der Schule?“, „Wie sieht ein Tag heute bei dir aus?“ oder „Kann man als psychisch Verwirrter überhaupt arbeiten?“ – die Auswahl an Fragen ist groß und sie legt offen, dass Gesprächsbedarf besteht.


Kürzlich wollte eine Schülerin im abschließenden Feedback von mir wissen, ob solch ein Projekttag auch eine Hilfe für mich sei. „Klar, ich mache das auch, um mir selbst stets neu bewusst zu machen, meine Erkrankung als eine ‚Normalität‘ anzunehmen“, stelle ich fest. Denn so ganz „normal“ ist es wohl doch noch nicht, über Dinge zu sprechen, die in der Öffentlichkeit weiterhin stigmatisiert sind. Während ich über einen Beinbruch wohl nicht die Auskunft verweigern würde, überlege ich mir auch heute noch, wem ich etwas über meine Zwangsstörung, meine Ängste und meine Depression anvertraue. Als ich mein erstes Schulprojekt abhielt, machte ich mir im Vorfeld viele Gedanken darüber, wie ich Jugendlichen im Alter von 15 – 19 Jahren etwas näher bringen kann, was aus der Erinnerung an meine noch nicht allzu lange zurückliegende Schulzeit gerade unter jüngeren Menschen gleichermaßen tolerant wie verpönt ist: „Psycho“ zu sein – das kann bedeuten, im besten Sinne „crazy“ daherzukommen. Es kann aber auch heißen, in der „Anstalt“ besser aufgehoben zu sein als „draußen“.


Ja, auch solche Statements bekomme ich zu hören – und war doch anfangs einigermaßen erstaunt darüber, dass derartiges Denken und Reden bei Einigen noch immer „cool“ erscheinen. Und trotzdem wollte ich von Anfang an bei „andersnormal.“ mitwirken. Die Erfahrung hatte mir in meinem früheren schulischen Umfeld gezeigt, dass es besser gewesen wäre, wenn ich meinen Klassenkollegen gegenüber rechtzeitig offenbart hätte, was mit mir los war. Das wurde mir allerdings erst im Nachhinein klar, als sogar diejenigen, mit denen ich kaum Bindung hatte, zu mir kamen: „Dennis, das hättest du uns doch sagen können mit deiner Erkrankung. Das ist doch nicht schlimm. Wir hätten sicher manche Verhaltensweise von dir besser verstehen können“. Dieser Satz prägt meine Arbeit im Schulpräventionsprojekt. Denn wenngleich ich in meiner Schulzeit große Probleme mit dem Annehmen meiner früh beginnenden seelischen Störung hatte, ist es für mich jetzt umso wichtiger, das Aufarbeiten nachzuholen. Selbst wenn ich heute ziemlich „locker“ mit der „Sache“ umgehe, wie mir neulich ein Schüler attestierte, ist jedes Projekt keine Selbstverständlichkeit. Wie in der ersten Gesprächsrunde 2010, als die Präventionsgruppe bei uns etabliert wurde, stellt sich jedes Mal die Herausforderung, der Klasse eine durchaus sensible, vielleicht anspruchsvolle Geschichte so darzulegen, dass sie einerseits nicht beschönigt, aber gleichzeitig nicht noch weitere Vorurteile bestärkt.


Ich orientiere mich seit jeher daran, wie ich in meiner Selbsthilfegruppe über mich spreche. Seit über zehn Jahren moderiere ich die Zusammenkunft von Betroffenen und Angehörigen psychischer Erkrankungen vor Ort, die sich austauschen und gegenseitig mit ihren Erfahrungen in der Bewältigung des Alltages stützen. Schon früh fragte mich dort manch ein Teilnehmer, wie ich es schaffen würde, so freizügig über mein Leben zu erzählen. Mir kommt dabei die Frage einer Schülerin aus dem Projekt in den Kopf, die wissen wollte, ob ich denn in meiner Erkrankung irgendeinen Vorteil sehen könne. Ja, die Gelassenheit, die ich gewonnen habe, ist für mich bereichernd und hilft mir auch dabei, Menschen mit recht viel Ruhe an meinem Alltag teilhaben zu lassen. Sicherlich gehört ein großer Vorschuss an Vertrauen dazu, um jemandem dieses Privileg zukommen zu lassen. Und tatsächlich war ich am Anfang nicht immer sicher, ob ich es den Schülerinnen und Schülern zugestehen will. Ich konnte nicht wissen, wie sie reagieren würden. Und mir war auch klar, dass ich mit Kommentaren zu rechnen hatte, die mir vielleicht nicht gefallen. Aber gehört gerade zu der von mir verstandenen Gelassenheit auch das Zugeständnis, gerade bei jüngeren Menschen einen anderen Maßstab an die Erwartung anzulegen.


Immerhin ist Diskriminierung auch stets eine beiderseitige Definition und hängt maßgeblich davon ab, ob ich sie als eine solche wahrnehme. Und schließlich kann man bei einem Projekt, das für die seelische Gesundheit sensibilisieren soll, nicht bereits im Vorfeld davon ausgehen, dass ein derartiges Feingefühl auch schon mitgebracht wird. Für mich gehört zu meiner Philosophie, wie ich auf ein Gespräch mit den Schülerinnen und Schülern zugehe, darüber hinaus eine wirklich gute Portion Humor. Möglicherweise liegt es an meiner lebensbejahenden Einstellung, aber auch am Auftrag, der mir aus der Selbsthilfe bewusst ist, wonach aus solch einer Begegnung niemand depressiver hervorgehen soll als er es zu Beginn vielleicht schon war, im Gegenteil. Nachdenklichkeit und Reflektion sind mir wichtig, nicht aber, Mitleid zugesprochen zu bekommen. Ich kann Mitgefühl erhoffen – aber das sollte in solchen Momenten nicht im Vordergrund stehen. Dagegen gelingt es mir immer besser, mit manchem Grinsen, Kopfschütteln oder einem Augenzwinker auf meine Geschichte zu blicken, wenn ich sie der Klasse vortrage. Und tatsächlich muss ich dann ab und zu selbst eingestehen, dass so Einiges in meinem Leben ziemlich „psycho“ ist. Denn zumeist sind die gelingenden Projekte diejenigen, in denen mein Beitrag spontan bleibt.


Schon recht bald nach meinem Einstieg bei „andersnormal.“ habe ich erkannt, dass es wenig Sinn machen würde, einen Vortrag über Krankheiten zu halten. Nur, wenn sie fernab von Lehrbüchern in eine Erzählung eingebunden werden, die ganz praktisch aufzeigt, welche Auswirkungen, welche Herausforderungen, welche Schwierigkeiten, aber auch, welche Chancen, welche Hoffnungen und welche Wünsche mit seelischer Beeinträchtigung lebendig werden, hinterlässt das einen bleibenden Eindruck. Gerade die Details, die ich mir in keiner Vorbereitung auf solch ein Schulprojekt zurechtlegen kann, sondern die im Redefluss oder in den Rückfragen der Jugendlichen zutage treten, sind die Kleinigkeiten, die im Gedächtnis der Schüler bleiben. Deshalb braucht es auch ein gewisses Selbstvertrauen, um nicht auf einen vorgeschriebenen Leitfaden zurückgreifen zu müssen, wenn es darum geht, auch mehrere zig Lebensjahre abwechslungsreich und informativ darzubieten. Übung ist dabei die beste Form, die eigene Art der Präsentation zu finden.


Neben einigen gedanklichen Stichworten gehe ich mittlerweile mit viel Vorfreude in meine Projekte. Oftmals bin ich neugierig, was ich dieses Mal aus den Tiefen meiner Erinnerungen an Pointen hervorhole, die das Interview markieren werden. Es hat schon etwas von Eigentherapie, sich dem „kalten Wasser“ auszusetzen. Und wie wir es in der Verhaltenstherapie lernen, gelingt das Überwinden von Unsicherheiten dann, wenn wir ausprobieren, was passiert. Niemanden wird es überraschen, dass all meine bisherigen Projekte wie von selbst. Nicht nur, dass die Wertschätzung der Schülerinnen und Schüler für den Erfahrungsexperten auch jeden „BlackOut“ nachsieht oder Grenzen der Privatsphäre respektiert – das Wissen darum, mit einer Botschaft von „Auch als ‚Psycho‘ kann man richtig gut leben!“ dazu beigetragen zu haben, Ängste und Vorurteile über die seelischen Krankheiten zu mindern, überwiegt schlussendlich einen tiefen Seufzer, wenn die Antwort einmal schwerfällt.


Bei „andersnormal.“ stellen Betroffene nicht nur ihre Lebensgeschichte vor, sondern repräsentieren gleichsam die vielen Menschen, die mit ihrer Erkrankung hadern und still unter Diskriminierung leiden. Und eigentlich findet sich dieser Grundsatz auch in den Anfängen der Selbsthilfe: Mir tut es nicht nur gut, dass ich unbefangen von meinen Problemen berichten und damit sprichwörtlich immer wieder so manchen „Müll“ von meiner Psyche loswerden kann. Ich helfe eben auch Anderen: Schülerinnen und Schülern, die möglicherweise selbst zweifeln, wie sie mir ihrer gedrückten Stimmung umgehen sollen. Mitschülern, die einen betroffenen Freund kennen, aber nicht wissen, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollen. Und alle zusammen als Botschafter für Aufklärung und gegen Stigmatisierung…

Erfahrungsbericht eines Ehrenamtlichen bei "andersnormal."

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© "andersnormal.", ab 2019

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